Warum Bosse beten. Religiosität im Management

Pastoren als Managementberater und Gebetskreise in Unternehmen. Das Thema Religion wird innerhalb der Business-Welt immer lauter. Krisenzeiten wie die jetzige befeuern diesen Trend – lassen sich aber nicht als dessen Auslöser ausmachen. Beschäftigt wird sich im Folgenden mit Fragen nach der Bedeutung und Rolle christlicher Werte im Arbeitsleben und den Reaktionen des Beratungs- und Weiterbildungsmarktes auf diese Bewegung.

02.12.2009
Management

1. Wer?, Wann?, Wo?

«Warum Bosse beten. Religiosität im Management»; erschienen in: managerSeminare – Das Weiterbildungsmagazin; Heft 141, Dezember 2009, S. 30-35.

Der Autor: Der Wirtschaftsjournalist Axel Gloger ist Chefredakteur des Trendletter und führt einen Blog unter: www.ueber-morgen.net. Er beschäftigt sich seit den achtziger Jahren mit Zukunftsfragen, die Unternehmer bewegen. In seinen Büchern und Artikeln für Zeitungen und Zeitschriften schreibt er über neue Märkte, innovative Ideen in der Unternehmensführung und erfolgreiche Unternehmenskonzepte.

 

2. Woher?, Wohin?, Warum?

Christlich sein gewinnt wieder an Wert und auch viele Manger und Führungskräfte suchen verstärkt Halt bei Gott. Das Gottlieb Duttweiler Institut spricht von der Rückkehr der Religion und Kongresse, die sich gezielt an christliche Führungskräfte richten oder sogar Gottesdienste, die auf Manager als Zielgruppe ausgerichtet sind, werden immer populärer und gefragter. Mancher Geistlicher führt sogar ein zweites Berufsleben als Management-Coach oder Business-Speaker. Doch warum sind christliche Meinungen in der Management-Welt derart nachgefragt?

 

3. Was?, Wie?, Welche Ergebnisse?

Viele Führungskräfte haben in der Vergangenheit erkannt, dass sie noch eine zusätzliche Kraft brauchen um in ihrer Rolle weiter bestehen zu können, formuliert Pastor Schladebusch der Hannoverschen Landeskirche. Es sind unter anderem Manager, die in ihrem Job in moralischen Zwickmühlen feststecken und sich immer öfters Fragen stellen wie: Was bedeutet Gerechtigkeit? oder: Wem muss meine Loyalität gehören? In Krisenzeiten sind es immer mehr Führungskräfte denen es nicht reicht, nur im Kreis der Familie bekennender Christ zu sein. Vor diesem Hintergrund ist um die Zürcher Publizistin Esther Gisberger ein Think-Tank zusammen gekommen, der als Quintessenz sechs Thesen über Religion bildete. Teilnehmer waren der Soziologe Peter Gross, der Religionswissenschaftler Reiner Anselm und David Bosshart vom Gottlieb Duttweiler Institut (GDI):

  1. Es ist nicht mehr peinlich, über Religion zu sprechen und sie zu leben: Viele Manager kommunizieren offen, dass sie zu spirituell-religiösen Seminaren ins Kloster gehen.
  2. Der Wunsch nach Wiederverzauberung kommt der Religion zugute: Es wird gebetet, ohne dass dafür in die Kirche gegangen wird und es wird deutlich, dass die Orientierungslosigkeit der Wissensgesellschaft zu einer Suche nach neuem Lebenssinn führt.
  3. Auch heute macht die Religion das Leben erst erträglich: Viele Menschen sind aufgrund der Folgen der Multioptionsgesellschaft seelisch heimatlos und man besinnt sich mit Hilfe der Religion auf die eigene Substanz zurück.
  4. Religion findet mehrheitlich im öffentlichen Raum statt: In der von Medien geprägten Gesellschaft ist Religion keine Privatsache mehr – YouTube, Facebook Twitter. Religion folgt dem Trend des Öffentlichen.
  5. Die großen Religionen bieten Heimat in einer globalisierten Welt: Ungebundene Menschen wählen ihren Glauben nach Gesichtspunkten der Zweckmäßigkeit aus und religiöser Pluralismus ist eine gesellschaftliche Tatsache geworden.
  6. Religion wird zum Verkaufsschlager: Religiöse Motive werden heute nur noch selten als Provokation empfunden und das Marketing entdeckt ethisch-moralisch aufgeladene Labels.

Insbesondere die Idee, Religion als Verkaufsschlager zu identifizieren und zu nutzen, ist auf dem Beratungs- und Bildungsmarkt spürbar. Theologen bieten Managementseminare an, Akademien für christliche Führungskräfte wachsen und Master-Abschlüsse in Christian Leadership sind möglich. Dabei prägen Werte wie Menschlichkeit, Verantwortung und Respekt die Lehre. Aber auch kritische Stimmen werden lauter und die Verknüpfung von christlichen Inhalten und Management wird als problematisch gesehen. So formuliert Philipp Möller, Mitinitiator einer Kampagne gegen den Religionstrend, dass sich eine Führungskraft durch Kompetenz legitimieren sollte und nicht durch eine Beziehung zu Gott, die keiner nachweisen kann. Nichtsdestotrotz lässt sich festhalten, dass die christliche Botschaft derzeit in die Management- und Weiterbildungswelt Einzug hält und dabei der Ruf nach mehr Lebenssinn im Geschäftsalltag hervor hallt.

 

4. Für wen?, Unter welchen Bedingungen?

Der Artikel beschäftigt sich mit einer spannenden und aktuellen Entwicklung, die nicht nur den Weiterbildungsmarkt betrifft. Für Führungskräfte und Organisationsentwickler ist es von Bedeutung, die Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter zu erfassen, sie ernst zu nehmen und ihnen Raum zu geben – insbesondere wenn es dabei um hochsensible Bereiche wie Religion und Glauben geht.

 

5. Wie einzuschätzen?

Der Artikel bietet einen kurzweiligen Einblick in die Thematik christlicher Werte und Religiosität im Management. Neben der Darstellung dieser aktuellen Bewegung wird aufgezeigt, wie sich die Angebotsseite im Beratungs- und Weiterbildungsmarkt versucht darauf einzustellen. Die Auseinandersetzung mit der Bedeutung christlicher Werte im Management- und Führungskräftealltag kann nur als richtungsweisend bewertet werden.

 

Literaturtipps:

Grün, Anselm: Leben und Beruf. Eine spirituelle Herausforderung; Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2009.

Schmitz, Ulrich/ Zwierlein, Eduard: Management und Spiritualität. Ein Erfahrungs- und Arbeitsbuch; Echter, Würzburg 2009.

Jumpertz, Sylvia: Besinnung für Business. Manager auf christlichen Pfaden; in: managerSeminare – Das Weiterbildungsmagazin; Heft 129, Dezember 2008, S. 64-71.