Die Latte-Macchiato-Falle. Vielfalt als Standard statt standardisierter Vielfalt

Was passiert, wenn man im Beisein italophiler Bekannter nach dem Abendessen eine Latte-Macchiato bestellt? Nur selten entgeht man in dieser Situation dem besserwisserischen Hinweis, dass man in Italien diesen beliebten Milchschaum-Cocktail allenfalls zum Frühstück, niemals jedoch nach dem Essen genieße…Die Autoren stellen mit diesem Beitrag kein weiteres Rezept für einen sicheren Umgang mit anderen Kulturen vor sondern schauen aus einer Perspektive auf die Thematik des interkulturellen Managements, die nicht erst bei der Unterscheidung von Staaten, Regionen oder sozialen Gruppen beginnt. Abgeleitet werden dabei hilfreiche Impulse für die Frage nach dem «richtigen» Umgang mit Führung im interkulturellen Kontext.

25.11.2009
Management

1.    Wer?, Wann?, Wo?

Die Autoren:

Stefan Kaduk, promovierter Diplom-Kaufmann, seit 1996 Unternehmensberater, Lehr- und Forschungstätigkeit am Institut für Personal- und Organisationsforschung und am Institut für Internationales Management, Universi-tät der Bundeswehr München, Erfahrungsschwerpunkte auf den Gebieten Personal- und Changemanagement, Partner der Musterbrecher® Managementberater Osmetz + Kaduk Partnerschaft, Mitautor des Buches «Muster-brecher – Führung neu leben».

Dirk Osmetz, Ingenieur, Wirtschafts-Ingenieur und promovierter Wirtschaftswissenschaftler, Lehr- und For-schungstätigkeit am Institut für Internationales Management der Universität der Bundeswehr München, Lehrbe-auftragter an diversen Fachhochschulen und Universitäten, Erfahrungsschwerpunkte in den Gebieten Führung und Veränderungsmanagement, mehrjährige Führungs- und Beratungserfahrung, Partner der Musterbrecher® Managementberater Osmetz + Kaduk Partnerschaft, Mitautor des Buches «Musterbrecher – Führung neu leben».

Nils Förster, Diplom-Kaufmann, seit 2008 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Internationales Mana-gement an der Universität der Bundeswehr München, Offizier der Luftwaffe, Erfahrungsschwerpunkte in den Gebieten Internationales Management sowie Arbeits- und Organisationspsychologie. Mitarbeiter der «Muster-brecher® Managementberater Osmetz + Kaduk Partnerschaft.

 

«Die Latte-Macchiato-Falle. Vielfalt als Standard statt standardisierter Vielfalt»; erschienen in: Voigt, Connie (Hrsg.): Interkulturell Führen. Diversity 2.0 als Wettbewerbsvorteil; Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 2009.

 

2. Woher?, Wohin?, Warum?

Im Zeitalter der Multipotionalität, wie es der Schweizer Soziologe Peter Gross bereits 1994 charakterisiert hat, steht das Management zunehmend vor der Herausforderung kultureller Varianzen und Diskontinuitäten. Eine gängige Antwort des interkulturellen Managements ist der Anspruch, mittels der Gestaltung von Prozessen struktureller, personeller und funktionaler Art, kulturbedingte Managementprobleme erfolgreich zu bewältigen und effizientes Handeln zu ermöglichen. Die dabei angebotenen Lösungsansätze sind dabei mindestens genauso vielfältig wie die zum Einsatz kommenden und herangezogenen Modelle und Managementwerkzeuge – immer mit dem Anspruch, Kulturphänomene greifbar und handhabbar zu machen.

 

3. Was?, Wie?, Welche Ergebnisse?

Ausgehend von ihren Beobachtungen stellen die Autoren folgende paradoxe Situation fest: Einerseits glauben Organisationen, sich in vielfältigsten globalen Märkten bewegen zu müssen, wollen Manager unterschiedlichste Nationalitäten in Projektteams vereinen, schmücken sich die Marketingabteilungen mit der Heterogenität der Mitarbeitenden – und dennoch wird alles in standardisierte Rahmen gepresst. Man glaubt, universelle Handlungsschemata für den Umgang mit anderen Kulturen zu besitzen und nimmt bei Kulturfragen eine fahrlässige Vereinfachung komplexer Probleme in Kauf. Die Denkmuster, mit denen wir auch im Kontext von interkulturellem Management unsere Alltagsrealität zu meistern versuchen, nämlich «Linearität, starke Kausalität und verzögerungsfreie Rückkopplung», führen bestenfalls zur Symptombekämpfung.

Auf der Basis neuster neurobiologischer Erkenntnisse und anhand von erfolgreichen Unternehmensbeispielen aus der Praxis wird deutlich, dass im interkulturellen Management der Blick deutlich weg von der Makroebene und hin zur Ebene der Individuen und ihres Umgangs miteinander verändert werden muss. Im Mittelpunkt des Artikels steht dabei die Behandlung von Fragen wie: «Wie viel kulturelle Vielfalt wird üblicherweise mit Normierung glattgebügelt und zurechtgestutzt? Wie viel Diversität und Eigeninitiative werden unterdrückt, indem immer wieder die Vorschrift, die Stellenbeschreibung, oder die Anweisung zur Quotenvielfalt hervorgeholt werden?»

Die zentrale Botschaft ist, dass das Gelingen von Führung im interkulturellen Kontext nicht schablonenhaft erlernt werden kann, indem man vermittelt bekommt, was man konkret zu tun und zu lassen hat. Es kommt vielmehr auf eine Haltung an, die mit drei wechselseitig verbundenen Prinzipien beschrieben werden kann: Das Bemühen um verbindliche Reflexion und das (An)Erkennen, dass jeder Interaktion durch eine «kulturelle Vorbelastung» geprägt ist; Mut, authentisch zu bleiben und die eigene Identität durchzuhalten und die Berücksichtigung der Idee, dass man im interkulturellen Kontext die besten Lösungen nur gemeinsam auf der Grundlage echter Beziehungen entwickeln kann. 

 

4. Für wen?, Unter welchen Bedingungen?

Interkulturelle Kompetenz und Diversity sind aus dem Sprachgebrauch des internationalen Managements nicht mehr weg zu denken. Der Artikel lädt ein, sich mit den vielfach thematisierten Begrifflichkeiten aus einer erfrischenden Perspektive der etwas anderen Art zu beschäftigen und diese vor einem kontraintuitiven Hintergrund zu reflektieren. Damit eignet sich der Artikel insbesondere für Führungskräfte und Organisationsentwickler in interkulturellen Kontexten und darüber hinaus für alle an der Thematik interessierten Leserinnen und Leser.

 

5. Wie einzuschätzen?

Die Autoren formulieren einen interessanten und bereichernden Beitrag zur Thematik des interkulturellen Managements und regen zur Reflexion der gängigen Muster im Umgang mit interkultureller Vielfalt an. Empfehlenswert!