Die Grenzen der Genauigkeit. Karrierefalle Perfektion

Perfektion ist meistens der Maßstab nach dem sich in Unternehmen ausgerichtet wird. Nach Beobachtungen von Simona Janson lässt sich aber aktuell, und mit guten Gründen, eine Trendverschiebung feststellen: Anstelle von Perfektionismus ist mehr Pragmatismus gefordert. Die Hauptargumente sind dabei, dass Perfektionismus häufig extrem ineffizient ist und zur Karrierefalle werden kann.

1. Wer?, Wann?, Wo?

«Die Grenzen der Genauigkeit. Karrierefalle Perfektion»; erschienen in: managerSeminare – Das Weiterbildungsmagazin; Heft 135, Juni 2009, S. 32-38.

Die Autorin: Simone Janson ist Journalistin und arbeitet unter anderem für den Stern und die Financial Times Deutschland. Sie ist Verfasserin mehrerer Bücher und beschäftigt sich im Schwerpunkt mit den Themen Beruf, Bildung und Karriere.

 

2. Woher?, Wohin?, Warum?

Angelehnt an das Pareto-Prinzip stellten amerikanische Arbeitssoziologen im Rahmen einer US- und europaweiten Effizienzstudie fest, dass innerhalb von Unternehmen in 20 Prozent der investierten Arbeitszeit 80 Prozent der Ergebnisse realisiert werden. Andersherum ausgedrückt wird das Missverhältnis zwischen Arbeitsinput und –output noch deutlicher: In den verbleibenden 80 Prozent der Arbeitszeit werden lediglich 20 Prozent der Ergebnisse erzielt.

 

3. Was?, Wie?, Welche Ergebnisse?

Ausgehend von dieser - aus ökonomischer Sicht - Katastrophe, identifizierten Forscher die Feinarbeit als Hauptgrund der Schieflage und machten deutlich, dass im Rahmen von Projekten, Produktion oder Planung stets der letzte Schliff und penible Kontrollen einen sehr großen aber eher ertragslosen Anteil ausmachten. Genauer: das Streben nach Perfektion verdirbt die Bilanz. Öl ins Feuer gießt die neurobiologische Erkenntnis, dass das menschliche Gehirn nicht auf Perfektion ausgerichtet ist sonder vielmehr so angelegt ist, dass es Herausforderungen möglichst schnell erledigen möchte um sich dann der nächsten Herausforderung stellen zu können. Trotzdem sind Unternehmen in der Regel auf Perfektion ausgerichtet und daran interessiert, ihre Arbeitsstrukturen und Abläufe zu perfektionieren was im Sinne von Opportunitätskosten, in erster Linie verursacht durch Koordinationsschwierigkeiten und –zeiten, in Deutschland aktuell 26 Arbeitstage pro Mitarbeiter und Jahr kostet. Dies entspricht einem volkswirtschaftlichen Schaden von jährlich 135 Milliarden Euro.

Aufgerüttelt durch solche Untersuchungen sind Unternehmen bereits verstärkt dazu übergegangen, einen übermäßigen Perfektionsanspruch über Bord zu werfen. Die Devise lautet: mehr Pragmatismus und weniger Perfektionismus. Drei Hauptargumente werden in diesem Zusammenhang regelmäßig angeführt:

  1. Es ist meistens effizienter, Fehler zu begehen und sie dann umgehend zu korrigieren, als zu versuchen alle erdenklichen Fehlerquellen im Vorfeld auszuschließen.
  2. Fehler halten Systeme, in diesem Kontext Organisationen und Unternehmen, in Bewegung, weil sie Prozesse durchbrechen, irritieren und zur Reflexion anregen um letztlich Verbesserungen anzustoßen.
  3. Mitarbeiter, die die Möglichkeit haben in einer fehlertoleranten Kultur arbeiten zu dürfen, sind deutlich produktiver als Mitarbeiter, die in angstbesetzten Fehlervermeidungskulturen agieren müssen.

Perspektivisch schließt die Autorin den Blick auf die Thematik mit der Anführung, dass ein ungesunder Perfektionismus zusätzlich ein Karriere-Blocker sein kann. Eine aktuelle IBM-Studie mit mehr als 1000 Befragten legt nahe, dass es nicht Perfektion ist, die Karriere macht. Die Qualität der abgelieferten Arbeit mache nur 10 Prozent am beruflichen Aufstieg aus. Viel wichtiger sind demnach der persönliche Bekanntheitsgrad im Unternehmen (60 Prozent) und eine souveräne Ausstrahlung (30 Prozent). So verliert sich, wer alles ganz genau machen will, allzu leicht in seiner Arbeit, zieht sich hinter seinen Schreibtisch zurück und das Netzwerk zu den eigenen Kollegen ist eher dünn.

 

4. Für wen?, Unter welchen Bedingungen?

Der Artikel empfiehlt sich für jeden, der an einer kritischen Betrachtung der ThematikPerfektionismusin Organisationen interessiert ist. Dabei geht es nicht um eine Aufforderung auf Fehler zu setzten, sondern vielmehr um vielperspektivische Impulse reines Perfektionsstreben differenziert(er) zu bewerten.

 

5. Wie einzuschätzen?

Simone Janson gibt einen ersten und kurzweiligen Einblick in die Thematik von Perfektionismus am Arbeitsplatz. Die Stärke des Artikels liegt dabei in den verschiedenen Betrachtungsebenen aus denen heraus auf die Thematik geschaut wird. Ausgehend von diesen vielseitigen Impulsen empfiehlt sich eine tiefergehende Betrachtung der angesprochenen Untersuchungsbereiche.

Literaturtipps:

Janson, Simone (2009): Die 110%-Lüge – Wie Sie mit weniger Perfektion mehr erreichen. Redline Verlag, München 2009.