Nur die Ruhe! Wie wir an komplexe Probleme herangehen sollten.

Komplexität ist das Schlagwort im Zusammenhang mit Problemen und Herausforderungen unserer Zeit und gleichzeitig der dominante Gradmesser wenn es um eine Klassifizierung von Problemen als solche geht. Nachfolgender Artikel beschäftigt sich mit der Thematik komplexer Herausforderungen vor dem Hintergrund menschlicher Verhaltensbesonderheiten im Verlauf des Problemlösungsprozesses.

1. Wer, Wann, Wo?Nur die Ruhe! Wie wir an komplexe Probleme herangehen sollten. Erschienen in "brand eins". 10. Jahrgang Heft 10 Oktober 2008 Autor: Alexander Grau 2. Woher, Wohin, Warum?Die

zunehmende Komplexität von Sachverhalten wird immer häufiger für Probleme in allen Bereichen des Lebens angeführt. Laut Karl Duncker entstehen Probleme, wenn man bestimmte Ziele erreichen will, es

aber nicht offensichtlich ist, wie man dorthin kommt. Als Lösung wird stets die Komplexitätsreduktion herangezogen. Doch ist diese Art des Problemslösens die einzige Möglichkeit? Der vorliegende

Artikel von Alexander Grau behandelt die Reaktion des Menschen auf komplexe Probleme. 3. Was, Wie, Welche Ergebnisse?Das Problem Generell lassen sich Probleme in einfach und komplex unterscheiden.

Einfache Probleme lassen sich durch probieren lösen. Bei komplexen Problemen kann der Überblick schnell verloren gehen. Finanzmarktkrise, Erderwärmung und Globalisierung sind die komplexen Probleme

unserer Zeit. Sie alle enthalten eine Reihe von Unbekannten und überfordern damit "unsere begrenzte menschliche Verarbeitungskapazität", so Joachim Funke, Psychologe für Problemlösung und Denken an

der Universität Heidelberg. Neben der Anzahl der Unbekannten erschwert zusätzlich deren Vernetzung und Dynamik die Lösung. Dies kann bedeuten, dass Analysen komplexer Probleme schnell veraltet sein

können. Defizite im Bereich der Information und stetige Dynamik machen ein ruhiges Abwägen und gutes Lösen von Problemen fast unmöglich. Unlösbar wird ein Problem, wenn Uneinigkeit über das Ziel

besteht. Nicht selten schließen sich verschiedene wünschenswerte Ziele aus. Fachleute nennen dieses Dilemma Polytelie: das Verfolgen mehrerer, zum Teil widersprüchlicher Ziele. Einen großen Teil zur

Lösung steuern heute leistungsfähige Computer bei, die eine Simulation komplexer Szenarien ermöglichen. Psychologe Dietrich Dörner simulierte ab 1980 mit einer Forschungsgruppe die Komplexität der

Kleinstadt "Lohhausen" am Computer. Die Versuchspersonen nahmen die Rolle des Bürgermeisters ein und mussten entsprechende Entscheidungen treffen. Schnell traten vor allem Stress-Symptome auf und die

Versuchspersonen neigten zum schnellen Handeln mit erhöhter Risikobereitschaft. Die kritische Selbstreflexion rückte zunehmend in den Hintergrund. Charakteristisch war außerdem, dass beabsichtigte

Handlungen gar nicht umgesetzt wurden und standardisierte Reaktionen bevorzugt angewandt wurden. Dörner nennt dies "Reparaturdienstverhalten" und meint damit die isolierte Betrachtung von

Missständen, die der Reihe nach abgearbeitet werden. Die Rangfolge ergibt sich aus der Auffälligkeit und Schwierigkeit der Probleme. Leichte Aufgaben werden umgehend gelöst, woraus sich aber

zunehmend komplexerer Probleme ergeben. Klare Schwerpunkte und eine genaue Zieldefinition helfen in diesem Bereich. Das Stecken von Teilzielen ist ebenso hilfreich. Diese dürfen sich jedoch nicht

verselbstständigen und in schwierigen Situationen zu verbissen angegangen werden, da sie dann die Lösung des Problems massiv behindern können. Der Mensch Menschen sind Optimisten und genau diese

Eigenschaft kann ein Nachteil sein. Der Optimismus hat zur Folge, dass Menschen sich an erfolgreiche Maßnahmen erinnern und negative Erlebnisse ausblenden. Der Lerneffekt, aus Schaden klug zu werden,

bleibt somit aus. Planungswahn und Unflexibilität sind ebenfalls auf das System Mensch zurückzuführen. Die Ressourcen bewusster Informationsverarbeitung sind limitiert. Deswegen ist der Mensch

effizient bei der Ausführung einmal erlernter Automatismen. Neue Informationen können nur begrenzt verarbeitet und eingeordnet werden. Er neigt dazu, Informationen zu verweigern, zu leugnen oder

falsch zu bewerten. Die Neigung des Menschen, immer nur aktuelle Missstände zu beheben und zukünftige Schwierigkeiten auszublenden, ist ebenso eine Eigenschaft, die den Umgang mit komplexen Problemen

erschwert. Es kommt zum Reparaturdienstverhalten: Der Mensch wurstelt sich durch. Unübersichtliche Phasen bedrohen das eigene Kompetenzempfinden und somit sind wahllose Ad-hoc-Maßnahmen

vorprogrammiert, denn der Mensch neigt zu Handlungen, die sein eigenes Kompetenzempfinden aufrecht erhalten. Stefan Strohschneider, Psychologe an der Universität Jena, bezeichnet dies als

Kompetenzhygiene. Im positiven Fall erschließt dieser Reflex brachliegende Fähigkeiten und führt zu neuen Lösungen. Der schlechteste Fall tritt ein, wenn der Mensch keinen Ausweg aus den Missständen

erkennen kann. Sein Kompetenzgefühl ist verletzt und er beginnt Informationen umzudeuten und zu ignorieren. Es droht der Realitätsverlust, aggressives Verhalten um Stärke zu demonstrieren oder das

Verlieren in unwesentlichen Details. Im internationalen Kontext prallen zusätzlich verschiedene Kulturen des Problemslösens aufeinander. In der asiatischen Kultur werden offene Auseinandersetzungen

in Problemsituationen nach Möglichkeit vermieden und stattdessen nach einem Ausgleich zwischen den Interessengruppen gesucht. Europäer und Nordamerikaner neigen mehr zur offensiven Strategien, zu

offener Kritik und bevorzugen eher innovative Ansätze, die nur gegen Widerstände durchzusetzen sind. Die deutsche Variante trennt klar zwischen Konzeptions- und Durchführungsphase. Auf

internationaler Ebene hilft die Einstellung, dass es keine objektiven Probleme gibt. Was als Problem angesehen wird, hängt im Wesentlichen von der Sozialisation und der Kultur des Betrachters ab.

Problemlösen fängt bei der Überprüfung des eigenen Standpunktes und der eigenen Fähigkeiten an. Die beste Schulung dafür ist die Konfrontation mit komplexen und heterogenen Problemen. Mut zu Fehlern,

das spielerische Ausprobieren und Selbstreflexion dient der eigenen Weiterentwicklung. 4. Für wen, unter welchen Bedingungen?Der vorliegende Beitrag ist im Wesentlichen für Führungskräfte und Manager

von Bedeutung. Er zeigt anschaulich auf, wie das System Mensch mit Problemen umgeht und gibt mögliche Lösungsansätze. 5. Wie einzuschätzen?Der Autor stellt in seinem Beitrag dar, wie Menschen aus

psychologischer Sicht auf komplexe Probleme reagieren sollten. Ein Beitrag der zum Nachdenken über das Verhalten von Menschen in undurchsichtigen Situationen anregt.Weiterführende InformationenWolf

Lotter im Gespräch mit Dietrich Dörner: Einfach mehr durchwursteln. "brand eins", Januar 2006.Rudolf Grünig und Richard Kühn: Entscheidungsverfahren für komplexe Probleme: Ein heuristischer Ansatz.

Springer Verlag, 2002. Joachim Funke: Problemlösendes Denken. Kohlhammer Verlag, 2003