Mission: Management 2.0

Das Management, wie wir es kennen, täglich anwenden oder erfahren, stößt an seine Grenzen. Es ist wie der Verbrennungsmotor eine ausgereifte Technik, die jetzt für eine neue Zeit revolutioniert werden muss. Davon Ausgehend haben sich renommierte Professoren, Manager und Berater zusammen geschlossen und eine Liste der 25 wichtigsten Herausforderungen für ein Management 2.0 erstellt. Im zugrunde liegenden Artikel gibt der Autor Gary Hamel einen Überblick.

1. Wer?, Wann?, Wo?

«Mission: Management 2.0», erschienen in: Harvard Business manager, April 2009, S. 86-95.Der Autor: 885Hamel2_portal.jpg Gary Hamel, Gastdozent für strategisches Management und internationales Management an der London Business School und Direktor von The Management Lab, einer im Silicon Valley ansässigen gemeinnützigen Forschungsorganisation mit dem Schwerpunkt Managementinnovationen.

 

2. Woher?, Wohin?, Warum?

Ausgehend von der Tatsache, dass heute die meisten Managementmethoden und –tools einige Jahrzehnte alt sind und unter gänzlich anderen Bedingungen und Herausforderungen als denen der Gegenwart entwickelt wurden, hat sich eine Gruppe von Vertretern aus Wissenschaft und Wirtschaft mit dem Ziel zusammen geschlossen, Unternehmen mit Werkzeugen auszurüsten mit denen es möglich sein soll, auch die Zukunft zu meistern. Klassische Methoden sind in erster Linie auf Prinzipien wie Standardisierung, Kontrolle und Hierarchie ausgerichtet. Mit der Erkenntnis, dass die geschäftlichen Notwendigkeiten von morgen nicht mit den auf bürokratischer Arbeitsteilung basierenden Managementmethoden von heute gelöst werden können, geht es den Autoren um nichts geringeres als um eine Managementrevolution.

 

3. Was?, Wie?, Welche Ergebnisse?

Zentrale Überlegung der Gruppe ist die Frage, welche Prioritäten der Veränderung gesetzt werden müssen um Unternehmen wirklich für die Zukunft zu rüsten. Ergebnis sind nachfolgende 25 Forderungen – ohne den Anspruch der Abgeschlossenheit – von denen die ersten zehn laut den Autoren eine zentrale Bedeutung haben:

1. Sorgen Sie dafür, dass Manager einem höheren Zweck dienen Der Shareholder-Value-Ansatz ist in mehrerer Hinsicht nicht (mehr) passend. Managementmethoden von morgen müssen sich darauf konzentrieren, gesellschaftlich relevante und ehrenwerte Ziele zu erreichen.

2. Berücksichtigen Sie alle wichtigen Interessengruppen Auf Kooperation basierende Systeme werden sich durchsetzen und Unternehmen müssen als Corporate Citiziens die Abhängigkeit der einzelnen Interessengruppen voneinander anerkennen.

3. Schaffen Sie eine neue Philosophie des Managements Es muss nach neuen Prinzipien in transdisziplinären Gebieten wie Anthropologie, Biologie, Design, Theologie etc. gesucht werden um auf diesem Fundament eine neue Managementgrundlage in praktischer und theoretischer Hinsicht zu schaffen damit wiederum Inspiration und Innovation gefördert werden können.

4. Beseitigen Sie die lähmende Wirkung formaler Hierarchien Die traditionelle Organisationspyramide muss zu Gunsten einer "natürlichen" Hierarchie, ausgehend von dem Beitrag des Einzelnen für die Organisation, ersetzt werden, damit die Reibungsverluste autoritärer Hierarchien weitestmöglich beseitigt werden.

5. Reduzieren Sie Angst und schaffen Sie Vertrauen Misstrauen demoralisiert und Angst paralysiert. Beides muss deshalb aus den Managementsystemen der Zukunft eliminiert werden.

6. Erfinden Sie ein Kontrollsystem Gleichgestellter Das Ziel von Unternehmen muss es sein Mitarbeiter zu beschäftigen, die uneingeschränkt zur Selbstdisziplin fähig sind. Nur so kann Kontrolle durch Höherrangige zur Sozialkontrolle durch Gleichrangige werden.

7. Definieren Sie Ihre Führungsaufgaben neu Natürliche Hierarchien erfordern natürliche Führungspersönlichkeiten. Gefragt sind Führungskräfte mit Qualitäten "sozialer Architekten" die Grundwerte formulieren, an denen sich orientiert werden kann.

8. Fördern und nutzen Sie Vielfalt in allen Bereichen Grundlage jeder gesunden strategischen Erneuerung ist Vielfalt an Erfahrungen, Werten und Fähigkeiten. Widerspruch und Verschiedenheit müssen daher genauso in den Mittelpunkt gestellt werden wie bisher Konformität, Konsens und Kohäsion.

9. Überdenken Sie kontinuierlich Ihre Strategien Der Versuch der Planung landet in Planungsparadoxien. Statt top-down Analysemethoden einzusetzen muss es die Unternehmensleitung schaffen Rahmenbedingungen zu kreieren, unter denen auf jeder Ebene Strategien entstehen und entwickelt werden können.

10. Unterteilen Sie die Organisation in kleinere Einheiten In vielen Unternehmen stehen feste Abteilungsstrukturen und funktionale sowie politische Beharrungskräfte einer flexiblen Anpassungsfähigkeit auf sich verändernde Rahmenbedingungen im Weg.

11. Reduzieren Sie den Einfluss der Vergangenheit, so stark es geht Kontinuität ist nicht unwichtig aber die subtile und festgefahrene Bevorzugung des Status quo muss reflektiert, untersucht und eventuell beseitigt werden.

12. Verteilen Sie die Verantwortung für den Wandel auf viele Schultern Macht und Position dürfen nicht länger die primären versteckten Argumente bei der Frage sein, wer die Richtung im Unternehmen vorgibt. Stattdessen müssen kluges und vorausschauendes Denken die ausschlaggebenden Beweggründe für die Übergabe und Übernahme von Verantwortung sein.

13. Entwickeln Sie ganzheitliche Leistungsindikatoren Die meisten Beurteilungssysteme von Mitarbeitern sind einseitig ausgerichtet. Reflektieren Sie, in welchen Dimensionen "Blinde Flecken" vorhanden sind.

14. Entwickeln Sie nachhaltige Anreizsysteme Vergütungs- und Anreizsysteme verzerren häufig die Perspektive und limitieren Zeithorizonte. Es gilt langfristige Vorteile für alle Interessengruppen zu fördern.

15. Gehen Sie mit Informationen demokratisch um Macht basiert oftauf der Kontrolle von Informationen. Um Mitarbeiter mündig im Sinne des Unternehmens handeln lassen zu können muss absolute Transparenz herrschen.

16. Fördern Sie die Rebellen, und entwaffnen Sie die Ewiggestrigen Regierende Monarchen stehen in der Regel nicht an der Spitze einer Revolutionsbewegung. Die Lösung kann nur eine radikale Verteilung der Verantwortung auf die Schultern derer sein, die auf Zukunft setzen und bei einem Wandel am wenigsten zu verlieren haben.

17. Erweitern Sie den Gestaltungsspielraum Ihrer Mitarbeiter Unternehmen müssen Ihre Managementsysteme so umgestalten, dass Experimente vor Ort und ebenso "Graswurzelprojekte" unterstützt werden.

18. Schaffen Sie interne Märkte für Ideen, Talente und Ressourcen Befreien Sie Entscheidungen von politischen Einflüssen und schaffen Sie interne Märkte für eine flexiblere und dynamischere Ressourcenzuteilung.

19. Trennen Sie Entscheidungsprozesse und Firmenpolitik Entscheidungsprozesse oberster Führungsebenen werden allzu oft von Voreingenommenheit, Überheblichkeit und unvollständiger Information verzerrt. Ziel muss es sein, dass gesamte Wissen der Unternehmund einfließen zu lassen.

20. Vereinen Sie scheinbar Gegensätzliches Die meisten Systeme basieren auf universellen Prämissen. Zukünftige Herausforderung wird es sein, im Sowohl-als-auch zurechtzukommen. "Kurzsichtig weit blicken" ist angesagt.

21. Beflügeln Sie die Fantasie Ihrer Mitarbeiter Management kann Innovationen nur fördern, wenn Mitarbeiter Rahmenbedingungen haben die es ihnen ermöglicht nachzudenken. Fehlschläge dürfen nicht stigmatisiert werden.

22. Fördern Sie Leidenschaft auf allen Hierarchieebenen Unternehmen müssen zu von Leidenschaft geprägten Einheiten werden in denen jeder Mitarbeiter die Erfüllung seines Arbeitslebens findet.

23. Berücksichtigen Sie bei der Führung Netzwerkeffekte In Netzwerken aus Freiwilligen ist die Führungspersönlichkeit stets darauf bedacht, der Gemeinschaft neuen Schwung zu

verleihen und sie zu erweitern anstatt sie von oben zu verwalten.

24. Richten Sie Sprache und Praxis des Managements auf Menschen aus Management steht vor der Herausforderung oftmals schnöde Geschäftsaktivitäten mit packenden Idealen oder Zeitlosen Tugenden wie Wahrheit, Gerechtigkeit, Liebe oder Fairness zu besetzen. Es geht darum, die menschlichen Züge anzusprechen und zu fördern.

25. Bringen Sie das Management dazu, umzudenken Bereits in der Managementausbildung müssen neue Schwerpunkte gesetzt werden. Anstatt rein kognitive Fähigkeiten auszubilden müssen verstärkt Fähigkeiten wie reflektiertes Lernen, wertorientiertes Denken oder kreatives Problemlösen gefördert werden.Zusammenfassend besteht das Ziel der Autoren darin, die Beschränkungen der Managementpraxis zu überwinden, ohne dabei deren Vorteile über Bord zu werfen. Zentrale Prämisse des postulierten Managements 2.0 ist es dabei, den Faktor Mensch tief im unternehmerischen Denken zu manifestieren und in den Fokus zu rücken.

 

4. Für wen?, Unter welchen Bedingungen?

Der Artikel mit seinen 25 zusammengefassten Leitideen ist in erster Instanz an Management und Führung adressiert. Darüber hinaus gibt er Studenten, angehenden Führungskräften und Mitarbeitern richtungsweisende Impulse.

 

5. Wie einzuschätzen?

Die "Rebellentruppe" mit Persönlichkeiten wie u.a. Chris Argyris, Gary Hamel, Linda Hill, Tom Malone oder Terry Kelly zeigt eindeutig auf, was viele sicherlich anhand alltäglicher unguter Gefühle im Umgang mit der eigenen oder erfahrenen Managementpraxis gespürt und geahnt haben: es ist Zeit in vielen Bereichen umzudenken. Dem Autor gelingt es, kontextbedingt stark komprimiert, einen Überblick über die zentralen Herausforderungen zukünftiger Managementüberlegungen zu geben. Viele Impulse in Form der einzelnen aufgezeigten Bereiche laden dazu ein, sich vertieft mit den einzelnen Themenkomplexen auseinander zu setzen.