Echtsein macht erfolglos - Irrglaube Authentizität

Authentisches Verhalten kommt weder gut an, noch macht es erfolgreich. Vielmehr ist oft das Gegenteil der Fall: Man wirkt diffus und wird als Quertreiber wahrgenommen. Der Autor Rainer Niermeyer liefert ganz entgegengesetzt der Zwei-Drittel-Mehrheit aller Manager eine Argumentation kontra Authentizität im Führungsalltag und liefert damit einen spannenden und kontroversen Diskussionsbeitrag.

1. Wer?, Wann?, Wo?

>>Echtsein macht erfolglos. Irrglaube Authentizität<<, erschienen in: managerSeminare – Das Weiterbildungsmagazin, Dezember 2008, Heft 129, S. 26 – 32

Der Autor:

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Rainer Niermeyer, Diplompsychologe und ehemaliges Mitglied der Geschäftsleitung der Managementberatung Kienbaum. Heute arbeitet Niermeyer als selbständiger Unternehmensberater, Buchautor und Redner.

2. Woher?, Wohin?, Warum?

Mehr als zwei Drittel aller Manager halten Authentizität für die wichtigste Eigenschaft einer Führungskraft und so wundert es nicht, dass Weiterbildungsangebote mit Titeln wie "Authentisch führen" oder "Schlüsselqualifikation Authentizität trainieren" hoch im Kurs sind. Statt einen Besuch solcher Maßnahmen rät Rainer Niermeyer das Gegenteil und warnt vor den Gefahren des Authentizitätskonzepts. Wer keine professionelle Rolle lebt, wird scheitern, denn soziale Systeme sind nicht auf Authentizität ausgerichtet, so der Autor.

3. Was?, Wie?, Welche Ergebnisse?

Konsequente Rollenspiele sind Voraussetzung für ein verlässliches System von Erwartungshaltungen gegenüber unseren Mitmenschen, das umso besser funktioniert, desto exakter und eindeutiger ein jeder seine Rolle spielt. Der Ruf nach Authentizität postuliert dagegen ein Ablegen der Rolle, plädiert für ein Folgen der inneren Stimme und fördert somit diffuses Verhalten, so Niermeyer. Konsequenz ist ein Ungleichgewicht des gesamten Handlungs- Erwartungssystems. Ein weiteres Problem praktizierter Authentizität ist die Ansteckungsgefahr von Gefühlen, insbesondere negativer Art. So argumentiert Niermeyer mit der Arbeitspsychologie und behauptet, dass ein emotional negativ eingestellter Mitarbeiter mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 Prozent die gesamte Teamstimmung ins Negative kippen lassen kann – wenn er seine eigenen Emotionen auslebt. Zusätzliches Risiko ist die große Angriffsfläche, die authentische Personen bieten. Top-Manager stuft der Autor nicht zuletzt deshalb als virtuose Rollenspieler ein denen es gelungen ist, sich in der Form eines ideellen Stereotyps einer Führungskraft zu inszenieren.

4. Für wen?, Unter welchen

Bedingungen?Wie aktuelle Umfragen und Studien verdeutlichen, weckt die Thematik der Authentizität – insbesondere im Kontext von Führung – derzeit großes Interesse. Niermeyer liefert zu dieser Diskussion einen spannenden und kontroversen Beitrag und bietet dem Leser eine gänzlich andere Perspektive auf die Frage nach dem Für und Wider praktizierter Authentizität.

5. Wie einzuschätzen?

Die Argumentation Niermeyers kontra einer gelebten Authentizität mag in sich geschlossen und isoliert betrachtet plausibel klingen. Trotzdem liegen einige Fragen nahe, die es zu reflektieren lohnt:

Sind es nicht oftmals "echte" Beziehungen, die in der heutigen Geschäftswelt vermisst werden? Wie hoch mögen wohl die Opportunitätskosten von Rollenspielen sein, die uns mit ihrer scheinbaren Professionalität oft beziehungslos gegenüber unseren Mitmenschen und zum Teil sogar uns selbst gegenüber wirken lassen? Ist ein deterministisches Gleichgewicht in unseren Handlungs-Erwartungssystemen nicht pathologisch und führt zum Stillstand? Von welchem Menschenbild gehen wir aus, wenn wir Angst davor haben, dass Mitarbeiter und Führungskräfte ihre Emotionen ehrlich kommunizieren könnten?Welches Verständnis haben wir von Führung und unseren Organisationen, wenn wir ein möglichst virtuoses Rollenspielen als Voraussetzung für Karriere sehen?

Weiterführende Literatur:

Niermeyer, Rainer: Mythos Authentizität – Die Kunst, die richtigen Rollen zu spielen; Campus Verlag, Frankfurt am Main 2008.

Salzwedel, Martin; Tödter, Ulf: Führung ist Charaktersache – Überzeugen durch Authentizität und soziale Kompetenz; Cornelsen Verlag, Berlin 2008.

Brodmerkel, Sven: Authentisch führen – Wann sind Manager echt; erschienen in: managerSeminare, April 2007, Heft 109, S. 44 – 51.