Bauchgefühl schlägt Kopfentscheidung

Prof. Gerd Gigerenzer thematisiert im Interview den Einfluss von Bauchentscheidungen in unseren Entscheidungsprozessen und macht dabei deutlich, dass unser menschliches Gehirn zumeist emotional und unbewusst entscheidet. Der Artikel liefert spannende Impulse aus der jüngsten Revolution der Gehirnforschung und lässt aus managementorientierter Sicht weitreichende Implikationen erahnen.

Wer?, Wann?, Wo?

>> Bauchgefühl schlägt Kopfentscheidung – Professor Gerd Gigerenzer über Intuitionsforschung und Entscheidungen im Management <<, erschienen in: Projekt Management , 3/2008, S. 3-8

Autor:

Professor Gerd Gigerenzer, habilitierter Psychologe und Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem Modelle begrenzter Rationalität, soziale Intelligenz, ökologische Rationalität, Risikoverhalten und Entscheidungstheorie.

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Woher?, Wohin?, Warum?

Noch in den Achtzigerjahren versuchten Forscher den Geheimnissen des menschlichen Gehirns mit kognitiven Modellen auf die Spur zu kommen und implizierten dabei eine Gehirnfunktion wie eine Rechenmaschine. Seit wenigen Jahren jedoch nehmen Wissenschaftler die Gefühlkomponente ernst und betonen sogar, dass unser Ratio in der Entscheidungsfindung lediglich beratende Funktionen wahrnimmt und letztlich alle Entscheidungen Gefühlsentscheidungen sind. Vor diesem Hintergrund diskutiert Gerd Gigerenzer im Interview die Mächtigkeit von Intuition in Managementprozessen.

Was?, Wie?, Welche Ergebnisse?

In unterschiedlichen Experimenten wies Gigerenzer mit seinem Forschungsteam nach, dass sogenannte Bauchentscheidungen in Situationen mit geringer Vorhersehbarkeit detaillierten und umfangreichen Reflexionen überlegen sind. U.a. wurden Handballspielern per Video verschiedene Spielsituationen eingespielt und diese gestoppt, also eingefroren. Daraufhin wurden sie befragt, wie sie weiterführend entscheiden würden. Ohne Reflexionszeit trafen die Sportler sofort Entscheidungen – Entscheidungen, die denen in der gleichen Situation aber nach langer Reflexionsphase getroffenen Alternativen überlegen waren. Zusätzlich konnte das Phänomen beobachtet werden, dass während den Experimenten viele Entscheidungsträger ihre erste, spontan getroffen Wahl, im Rahmen einer Reflexionsphase wieder revidierten, nahezu ausnahmslos zugunsten der schlechteren Alternative. Gigerenzer erklärt sich dieses Abweichen von der eigenen Intuition durch mangelnden Mut, denn die im Management dominierende Absicherungslogik verlangt oftmals ein Festhalten an komplizierten aber justiziablen Entscheidungsverfahren. Als Ermutigung führt Gigerenzer an dieser Stelle an, dass unsere Bauchentscheidungen Äußerungen unserer unbewussten Intelligenz sind, d.h. unser Unbewusstes ordnet unsere Einfälle je nachdem, wie erfolgreich sie in der Vergangenheit waren und ruft sie in neuen Situationen wieder ab. Wenn man diese Art von Eingebungen vor noch gar nicht allzu langer Zeit bestenfalls zum Thema von Lebenshilfe-Büchern gemacht hat, so untersucht man heute interdisziplinär die Regeln, nach denen Bauchentscheidungen gefällt werden, also deren Heuristik. Allen ist eine Vereinfachung der Entscheidungen gemeinsam und Gigerenzer geht davon aus, dass Bauchgefühle das Produkt einfacher Faustregeln sind. Von der Annahme, Intelligenz sei zwangsläufig bewusst und hänge nur mit Überlegungen zusammen, hat er sich längst verabschiedet.

Für wen?, Unter welchen Bedingungen?

Die Botschaft, die Gigerenzer in seinem Interview an Manager heranträgt, ist eindeutig: In bestimmten Situationen weniger Informationen einholen, wenig diskutieren, Zeit verknappen, auf komplizierte Berechnungen verzichten und Mut aufbringen, seinem Bauchgefühl mehr Vertrauen zu schenken. In Situationen, in denen in der Vergangenheit liegende Ereignisse analysiert werde, der Entscheidungsträger in keinster Weise Fachmann ist oder in gut vorhersehbaren Lagen, ist das Verlassen auf Bauchentscheidungen weniger gut geeignet. In solchen Situationen empfiehlt Gigerenzer das Heranziehen aller notwendigen Informationen, die benötigt werden. Eine Beschäftigung mit der Thematik bietet sich folglich für jeden Entscheidungsträger an und natürlich auch für jeden, der an einer Auseinandersetzung mit seiner eigenen Entscheidungslogik interessiert ist.

Wie einzuschätzen?

Prof. Gerd Gigerenzer gibt im Interview einen spannenden Einblick über die Relevanz von Intuition in unseren Entscheidungsprozessen. Viele Jahrhunderte galt in der Wissenschaft der Aspekt der "Intuition", des "Instinkts" oder auch "siebten Sinns" als minderwertig und heute wird immer wieder betont, dass wir ohne Gefühle überhaupt nicht entscheiden können – ein klar zu erkennender Trend, der in Zukunft sicherlich noch viele weitere interessante Erklärungen abgeben wird.

Weiterführende Literatur:

Gigerenzer, Gerd: Bauchentscheidungen. Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition. C. Bertelsmann Verlag, 2007.