Management zwischen »Execution« und »Reflexive Mode«

Professor Johannes Rüegg-Stürm im Interview in der "REVUE für postheroisches Management" zu Fragen der Organisation, der Strategie und des Management aus kontextsensitiver und systemischer Perspektive, untermauert mit Beispiele aus der Feldforschung.

1. Wer? Wann? Wo?:

Johannes Rüegg-Stürm ist Professor für Organizational Behavior und geschäftsführender Direktor des Instituts für Betriebswirtschaft an der Universität St. Gallen, Schweiz.

Im Interview mit Rob Wiecher und Katrin Glatzel.

"Management zwischen »Execution« und »Reflexive Mode«" , in Revue für postheroisches Management, Heft 1/07, S. 100 – 109

2. Woher?, Wohin?, Warum?

Johannes Rüegg-Stürm beschreibt zu Beginn des Interviews seinen persönlichen Weg zum Professor für Organizational Behavior an der HSG über Stationen im Finanzbereich der Wirtschaftspraxis und als Research Fellow bei Professor Andrew Pettigrew an der Warwick Business School, UK. Sein Schlüsselerlebnis verdankte er einem Zusammentreffen Ende der 90er Jahre mit Professor Manfred Kieser, der seinen konstruktivistischen Zugriff auf Organisation vorstellte. Aufgrund persönlicher Erlebnisse gerade besonders empfänglich für das Thema Organisation und die Frage, wie Wirkung in der Organisation entsteht, erkannte er die Unzulänglichkeit von Erfolgsfaktorenforschung. Er beschreibt dies sehr plastisch an folgender Metapher: "Das funktioniert ungefähr so, als würde man nicht nur einen, sondern 400 Filme auf einen Schlag abspielen und dann schauen, was dann herauskommt, wenn das Licht der Projektorlampe durch die 400 Filme hindurchleuchtet. ... Das Bild auf der Leinwand wird entweder schwarz oder weiß sein. Und das ist natürlich eine Form von dermaßen undifferenzierter und komplexitätsnegierender Forschung, die ich mir so einfach nicht vorstellen kann." Er führt diesen Gedanken zu Ende und muss sich zwangsläufig die Frage stellen "Gibt es dann noch so etwas wie generalisierbares Wissen?"

3. Was?, Wie?, Welche Ergebnisse?

Im weiteren Verlauf des Interviews werden drei zentrale Themen, die untrennbar zusammengehören, reflektiert: Organisation, Management und der Strategieprozess.

Geprägt von Kenneth Gergen und dem von ihm vertretenen relationalen Konstruktivismus steht der "Diskurs" im Zentrum der dargestellten Überlegungen. Dabei wird anschaulich, dass Organisation sich nur über Beziehung, Kommunikation und Kontext konstituiert. Und genau das sind die Bereiche, die ganz im Sinne systemischen Vorgehens, Organisation greifbar machen.

Hier kommt dem Management eine exponierte Rolle zu. Einerseits geschult und ausgebildet im von Rüegg-Stürm so bezeichneten "Execution Mode", entspricht es dem Selbstverständnis von Management, Kontingenz abzubauen und Komplexität auszublenden, indem die Prämissen unhinterfragt bleiben und die Handlungsfähigkeit durch Routine hergestellt wird. Andererseits fordert er von dieser Gruppe jedoch verstärkt den "Reflexive Mode", also die Fähigkeit beiseite zu treten und genau die Prämissen zu hinterfragen, die im "Execution Mode" als unreflektiert geblieben sind. Diese Art der Beobachtung finden wir in der Systemtheorie als Beobachtung zweiter Ordnung.

Übertragen auf Strategie bedeutet dies, dass Management durchaus im Sinne der klassischen Strategie-Inhalts- und Strategie-Prozessforschung kausal-analytisch vorgehen sollte, vielleicht sogar vorgehen muss. Es bedeutet aber auch, – und hierauf legt Rüegg-Stürm den Schwerpunkt seiner Ausführungen, die er mit Beispielen aus der Feldforschung untermauert – dass im "Reflexive Mode" strategisches Management, sich ansehen sollte, was die Menschen tun, wenn Sie Strategie betreiben. Es geht darum, im Sinne von Karl Weick, sich mit Enttäuschungen und Irritationen auseinander zu setzen, um so mehr über das strategische Potenzial der Unternehmung zu erkennen. Ganz praktisch kann es aber auch bedeuten, dass Management im "Reflexive Mode" sich in die Rolle des Konkurrenten versetzt und dessen Strategie erarbeitet, in der das eigene Unternehmen dann aus einer externen Blickrichtung beobachtet wird.

Dass Management in der Lage ist, diese Fähigkeit zu entwickeln, dazu scheint die aktuelle Ausbildung und speziell das Studium nicht geeignet zu sein. Professor Rüegg-Stürm spricht von "kognitivem Terror". Studierende lernen Heuristiken anzuwenden, die ihnen in Form "analytisch-konzeptioneller Schemata" eine Sicherheit suggerieren, meist jedoch ohne jeglichen Realitätsbezug aufgrund fehlender Einbindung in den Kontext.

Seine Ausführungen beschließt Johannes Rüegg-Stürm mit einem Aufruf für eine "konstruktive, entwicklungsöffnende Selbstreflexion" die zu einer "rigorosen Dekonstruktion von Praxis – und zwar nicht nur organisationaler, sondern vor allem auch wissenschaftlicher" – führt.

4. Für Wen?, Unter welchen Bedingungen?

Dieses Interview gehört durchaus zur schwereren Kost und adressiert in erster Linie den Wissenschaftler und erst an zweiter Stelle den wissenschaftlich interessierten Manager. Dennoch – oder gerade darum – sehr lesenswert in einer Fachzeitschrift mit neuem Format.

5. Wie einzuschätzen?

Aus meiner Sichtweise ist dieser Beitrag als wissenschaftlich fundiert, mit mehr Praxisrelevanz als man auf den ersten Blick erkennen mag, einzuordnen. Es ist empfehlenswert ihn im Kontext der Revue für postheroisches Management zu sehen. Dazu möchte ich jeden Interessierten ermutigen, es lohnt sich:305www.postheroisches-management.de