Was Mitarbeiter wirklich denken

Auch die Autoren Teresa M. Amabile und Steven J. Kramer können Mitarbeitern nicht in den Kopf schauen, um heraus zu bekommen, was sie wirklich denken. Stattdessen verordneten sie über 200 Mitarbeitern Tagebuch zu führen und erhielten so einen Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt. Die Verknüpfung der Mitarbeiterstimmungen mit Faktoren wie Produktivität, Kreativität und Motivation lässt einen klaren Zusammenhang erkennen und erstaunlich klar wird deutlich, wie stark der Einfluss des Managements auf die Wahrnehmung und Emotionen der Mitarbeiter sein kann.

1. Wer?, Wann?, Wo?<<Was Mitarbeiter wirklich denken>>, erschienen in Harvard Business Manager, September 2007, S. 48-62Die Autoren: Teresa M. Amabile, Edsel Bryant Ford Professor für

Betriebswirtschaftslehre an der Harvard Business School in Boston. Als ursprüngliche Chemikerin erhielt sie ihren Ph.D. in Psychologie im Jahr 1977. Heute lehrt und forscht sie als Spezialistin im

Feld der individuellen Kreativität und beschäftigt sich zusätzlich mit den Bereichen Teamkreativität und unternehmerischer Innovation.Steven J. Kramer, unabhängiger Forscher und Autor aus Wayland,

Massachusetts 2. Woher?, Wohin?, Warum?Kein Manager kann seinen Mitarbeitern in den Kopf schauen, um Gedanken zu lesen und doch liegt die Vermutung sehr nahe, dass Vorgesetzte und deren Verhalten

Einfluss auf das haben, was täglich in ihren Mitarbeitern vorgeht. Diese Auswirkungen von Managerverhalten untersuchten Teresa M. Amabile und Steven J. Kramer, indem sie eine Studie durchführten, die

238 Mitarbeiter aus über 20 Projektteams verpflichtete, Tagebuch zu führen. Auf der Basis von rund 12.000 Tagebucheinträgen wurde analysiert, welcher Zusammenhang zwischen den durch Manager

ausgelösten Ereignissen und der Kreativität und Produktivität der Mitarbeiter besteht. 3. Was?, Wie?, Welche Ergebnisse?Mitarbeiter in jedem Unternehmen sind permanent einem Fluss von Emotions-,

Wahrnehmungs- und Motivationsschüben ausgesetzt. Im Alltag reflektieren die wenigsten Manager, dass dadurch private Gedanken und Gefühle auch eine Rolle am Arbeitsplatz spielen und gehen vielleicht

sogar davon aus, dass diese von den Mitarbeitern wie ein Mantel an der Tür abgegeben werden. Aber genau dieses Zusammenspiel der Gefühls- und Gedankenwelt und sein Wirken sollte interessieren, allein

schon aufgrund der pragmatischen Frage danach, wie es sich auf den Unternehmenserfolg auswirken könnte. Aufgrund der weitestgehenden Verborgenheit des Systems von Gefühlen und Gedanken entschieden

sich Amabile und Kramer für einen über das Beobachten hinausgehenden methodischen Ansatz und ordneten 238 Mitarbeiter an, über einen Zeitraum von 5 Monaten Tagebuch zu führen. Hierzu ließen sie alle

Teilnehmer täglich eine Standard-E-Mail beantworten bzw. forderten sie auf, in diese eine vertrauliche Beschreibung des jeweils wichtigsten persönlichen Ereignisses des Tages einzutragen. Zusätzlich

wurden alle Probanden gebeten, monatlich sich selbst und ihre Kollegen nach Kriterien wie Kreativität, Arbeitsqualität und Engagement zu bewerten. Eine zusätzliche Perspektive wurde durch externe

Experten geschaffen, die die Teams und einzelnen Mitarbeiter ebenso beobachteten. Über die Auswertung der Tagebücher und Evaluationen wurde der Zusammenhang zwischen Emotionen, Wahrnehmung und

Motivation deutlich. Mittels einer Gegenüberstellung der individuellen Wahrnehmungs-, Emotions- und Motivationsmuster aus den Tagebüchern mit den Evaluationen von Produktivität, Kreativität oder

Engagement ließ sich auch entnehmen, dass die Leistung auf positive Weise mit der Gefühls- und Gedankenwelt verknüpft ist. Die Mitarbeiter wiesen eine bessere Arbeitsleistung auf, wenn die

Erfahrungen des Arbeitstages mehr mit positiven Emotionen, Wahrnehmungen und Motivation verbunden waren. Vermeintliche Kleinigkeiten wie das Versorgen eines Teams mit Pizza und Getränken durch eine

Führungskraft am späten Abend und während einem stressigen Projekt zeigten erstaunliche Auswirkungen. Mehrere Tagebucheinträge würdigten diese Wertschätzung als positives und motivierendes Ereignis.

Gleichzeitig ließ sich durch die Verknüpfung von Tagebucheinträgen und Evaluationen auch wieder erkennen, dass positive Emotionen zu höherer Leistung führten. Das Projekt machte deutlich, dass viele

der Ereignisse, die die Gefühls- und Gedankenwelt beeinflussen, direkt oder indirekt von Managern verursacht werden. Gleichzeitig wurde aber auch deutlich, dass es nicht die Aufgabe von

Führungskräften sein kann, schulterklopfend und gute Laune verbreitend von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz zu ziehen. Stattdessen kommen Amabile und Kramer zu dem Ergebnis, dass es in erster Linie auf

die Ermöglichung von Fortschritt und Management mit Menschlichkeit ankommt. Unter Ersterem lässt sich das Erreichen eines Zieles, die erfolgreiche Durchführung einer Aufgabe oder das Lösen eines

Problems subsumieren. Während dem Projekt ließ sich erkennen, dass gerade solche Etappenziele zu einer großen Genugtuung oder sogar Begeisterung führten, so Amabile und Kramer. Zusätzlich zeigt die

Auswertung des Datenbestandes, dass die "schlechtesten" Tage mit Stagnation oder Rückschritten bei der Arbeit einhergehen. Zweiter Aspekt fordert dazu auf, Fortschritt wiederum anzuerkennen und zu

würdigen. Nach der Auswertung von Amabile und Kramer führen fehlende Wertschätzung und zusätzliche Kritik bei Nebensächlichkeiten weit schneller zu Frustration als erwartet. 4. Für wen?, Unter

welchen Bedingungen?Führungskräfte sind sich heute (meistens) bewusst, dass das Denkvermögen der Wissensarbeiter die wichtigste Ressource für ihr Unternehmen ist. Höchstwahrscheinlich ist auch die

mögliche Wirkung von Anreizsystemen bekannt und Manager fühlen sich in der Lage, Intellekt zu kanalisieren. Nicht mehr vernachlässigt werden darf die Erkenntnis, dass die Gefühle und Gedanken der

Mitarbeiter bei der Arbeit ebenso entscheidend für ihre Leistungen sind. Der Artikel richtet sich somit an alle, die die Zusammenhänge dieser Dimension neu kennen lernen oder vertiefen wollen. 5. Wie

einzuschätzen?Viele thematisierte Zusammenhänge innerhalb des Forschungsprojektes sind bereits in den verschiedenen Bereichen wie beispielsweise der Arbeits- und Organisationspsychologie oder

Neurobiologie bekannt. Doch Amabile und Kramer liefern mit ihrer spannenden Methode der Analyse von Tagebüchern, losgelöst von Laborsituationen, eine bestätigende und vertiefende Perspektive auf die

hochrelevante Thematik. Der Artikel empfiehlt sich als plausible Aufforderung, sein tägliches Verhalten als Manager verbindlich zu reflektieren und immer wieder auf den Prüfstand zu stellen. Nicht

zuletzt weil deutlich wird, dass wir uns der Konsequenzen unseres alltäglichen Verhaltens oft gar nicht bewusst sind. Weiterführende Literatur: · Rosenstiel, Lutz v.: Motivation im Betrieb,

Rosenberger Fachverlag 2001· HBM Online: Geissler, C.: Warum emotionale Bindung wichtig ist, in: HBM, September 2006, Seite 8· HBM Online: Komm, A. / Cornelissen, N. / Putzer, L.: So funktioniert

Führungskräfteentwicklung, in: HBM, Juni 2007, Seite 39· HBM Online: Jones, G. / Goffee, R.: Wie sie Talent richtig managen, in: HBM, Juni 2007, Seite 24· HBM Online: Herzberg, F.: Was Mitarbeiter in

Schwung bringt, in: HBM, März 2003, Seite 50